Flensburg macht die Hauptstadt schön
Flensburger Tageblatt, 14.12.2009
Eckener-Bildhauerschüler schnitzen Holzskulpturen für denkmalgeschütztes Schwimmbad in Berlin-Kreuzberg
Berlin
Kreuzbergs Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler lobte die Gäste aus dem hohen Norden überschwänglich: „Liebe Künstlerinnen und Künstler aus Flensburg“, sprach er, „die Skulpturen, die Sie uns heute bringen, machen unser denkmalgeschütztes Bad perfekt.“

- Meeresgott von der Ostseeküste fürs Kreuzberger Hallenbad: Eckener-Schülerin Lisa Strobel mit ihrer Holzskulptur. Foto: sh:z
Nun stimmt „perfekt“ nicht so ganz – das Baerwaldbad in Berlin-Kreuzberg, von dem die Rede ist, leidet sichtlich unter der Geldnot der Hauptstadt. Von der Decke der Halle blättern Farbfetzen; ein Fangnetz verhindert, dass sie den Schwimmern auf den Kopf fallen. Doch zumindest die Restaurierung der zehn historischen Umkleidekabinen an den Beckenseiten krönen die Werke von der Förde seit dem Wochenende tatsächlich – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Auf Sockeln zwischen den hölzernen Schwingtüren jeder Kabine stehen nun wie vor gut hundert Jahren stilechte Holzfiguren. Sieben Schülerinnen und zwei Schüler von der Eckener Schule sowie ihr Lehrer Heinrich Oettinger haben sie geschnitzt und jetzt aufgestellt. „Für uns war diese Arbeit etwas ganz Besonderes“, sagt Oettinger.
Als Vorlage dienten den Flensburgern Fotos der verschollenen Originale des Berliner Künstlers Ernst Westphal: der Meeresgott Neptun, ein Schutzengel, ein pfeifender Frosch, eine flötende Schildkröte und eine tauchende Ente – alle zur symbolischen Warnung vor den Gefahren des Wassers gedacht. Nach diesen Bildern fertigten die angehenden Holzbildhauer zunächst einen Gipsabdruck und formten dann aus Lindenholz mit dem Schnitzeisen die Skulpturen – in zweifacher Ausfertigung, für beide Seiten des Beckens. In sechs Wochen war der Job geschafft.
„Anhand einer Fotografie zu arbeiten war interessant, aber auch schwierig“, berichtet Lisa Strobel (22) nach dem bisher aufwändigsten Projekt ihrer Ausbildung. Sie hat einen Neptun geschnitzt – und hofft, dass ihr im Frühjahr anstehendes Gesellenstück nicht noch mehr Arbeit macht. Isabelle Iversen, mit 19 Jahren die Jüngste und einzige waschechte Flensburgerin der Gruppe, hat eine Schildkröte angefertigt und damit schon mal für ihre Prüfung geübt: Auch da würde sie „am liebsten ein Tier“ abbilden.
Aber warum haben gerade Auszubildende aus Flensburg den Job für die Kreuzberger erledigt? Ganz einfach: In Berlin gibt es weit und breit keine Schule für Holzbildhauer. Und für einen professionellen Künstler hatte der gemeinnützige Ausbildungsträger „Zukunftsbau“, der die Sanierung des Bades betreibt, kein Geld – rund 5000 Euro würde eine Skulptur kosten. Also kam Projektleiter Lukas Born auf die Idee, bei Schulen in ganz Deutschland anzufragen, ob sie die historischen Originale nachbauen könnten. Eckener-Lehrer Oettinger reagierte am schnellsten und entschiedensten. „Für unsere Schüler war es sehr reizvoll, sich mit einem Original auseinanderzusetzen“, resümierte er bei der feierlichen Übergabe der Skulpturen. „Von diesem Erfahrungsschatz werden sie künftig noch viel haben.“
sh:z

